Berichte
 
Mein Jahr mit dem Tier - 2005 in der TeR
- Trainingsgruppe ehemaliger Rennruderer -

Beim folgenden Artikel handelt es sich um einen persönlichen Jahresrückblick von Jan-Christoph Czichy. Mit Namen gekennzeichnete Artikel geben nicht zwingend die Meinung der Redaktion wieder.

Dahingerauscht – ein Schlagwort, dass sowohl das Jahr 2005, also auch viele Fahrten in der Trainingsgruppe beschreibt. Ziel der Trainingsgruppe war ein Jahr mit schönem Rudern und einem guten Auftritt beim Leine-Head. Beides ist gelungen, beim Head wurde im Mixed sogar gewonnen und der erstmals aus der TeR formierte Männerachter wurde nach irrem Rennen Dritter von Sechs. Und dann, gewissermaßen als Krönung des Jahres, fuhr noch der auf zwei Positionen kurzfristig umbesetzte Mixedachter nach Kettwig und wurde Fünfter von Sieben!

So war dann auch die Euphorie Headmannschaft und der Kettwigfahrer riesig, weil letztlich unterm Strich fast ohne gemeinsames Training ein super Saisonabschluss hingelegt wurde! Ob diese Stimmung ins neue Jahr gerettet werden kann, muss sich erst noch zeigen, verlangen Beruf, Studium und z. T. auch die Familie häufig eine andere Priorisierung von den meisten Mannschaftsmitgliedern, als dies rein ruderisch eigentlich wünschenswert wäre.

So war denn auch die gesamte Saison 2005 unter mannschaftlich schwierigen Vorzeichen: wir waren nicht genug für einen Achter, schon gar nicht für ein regelmäßiges Training! Ein Wintertraining hatte was die Mannschaft angeht fast gar nicht stattgefunden und im Sommer wollte oder konnte sich auch niemand so recht darum kümmern, den Achter zu koordinieren.

Dennoch lief regelmäßig Dienstag Abend und Freitag Nachmittag ein Vierer aus der Truppe, mal ausschließlich mit Achterleuten, mal mit „Hinzugekauften“. Und die Tendenz war bootslauftechnisch höchst erfreulich, denn kam es Anfang der Saison eigentlich nur in den Kleinbooten zu gut stehenden und laufenden Booten ohne nennenswerte Quer- und Vertikalbewegungen, so waren Mitte der Saison einige sehr erfreuliche Viererfahrten zu notieren. Leider blieb Vieles Stückwerk, weil die Besatzungen zu stark schwankten und die wenigen Achterfahrten doch meist arg durchwachsen waren. Es später fanden wir heraus, dass ein Problem beim Achterfahren in dem Umstand zu finden gewesen sein dürfte, dass die Ausleger auf Backbord im Schnitt 2 cm niedriger und zusätzlich völlig uneinheitlich geriggert waren, als die auf Steuerbord, was das Finden einer Bootsbalance mit wechselnden Besatzungen jedenfalls nicht erleichtert haben dürfte.

Neu dabei waren 2005 Tuna und Kai: Tuna aus der Türkei, Kai aus Schleswig, beides alte Rennhasen, beide ausgestattet mit einem guten Vortriebspotenzial. Und dieser Tuna…
Die ersten Ausfahrten im Vierer ohne waren beinahe atemberaubend, selten habe ich so viel Energie aus einer Person ins Wasser fließen sehen! Leider war es dann manchmal schwer, diesen Querdruck zu einer guten Balance zu erwidern. Aber wenn beide Backbordleute so ruderten, dass ihnen fast die Augen aus den Höhlen traten, schoss das Boot nur so dahin. Sven war denn auch der Einzige, der mit Tuna 2- fuhr, was als Heckmann dann sogar einer Mutprobe gleichkam. Nun, er hat’s überlebt, stieg kalkweiß aus dem Boot aus und musste sich erstmal auf den Steg setzen...
Jedenfalls hatten beide wieder Blut geleckt, fuhren dann häufiger zusammen, nur halt Doppel. Bei den Herbstregatten auf dem Maschsee traten sie dann auch gegen sehr gute Konkurrenz im Doppelzweier an, der Bugball schaffte es auf der Ziellinie aber leider nicht ganz nach vorne, was bei einem Sprintrennen evt. auch mit am 5 kg schwereren Boot im Vergleich zur Konkurrenz gelegen haben könnte. Tuna fuhr dann auch ein paar Sprintrennen im Einer, was aber aus beruflichen Gründen überwiegen recht untrainiert stattfand und dann auch den gewünschten Erfolg nur einmal andeutete, nämlich in Celle. Und so abwechslungsreich wie Tuna’s Saisonverlauf, so war denn auch der Verlauf in der Gesamten Trainingsgruppe: unbeständig

Wie dem auch sein, der Tag des Leine-Head rückte näher und auch solche geschätzten Mannschaftsmitglieder für das Rennen, die im vorherigen Saisonverlauf höchst selten zum gemeinsamen Training aufgetaucht waren, kamen plötzlich zum Rudern. So geschah es denn auch, dass wir dreimal fast in Head-Besetzung üben konnten, wobei allerdings die große Harmonie noch nicht durchgängig errudert werden konnte. Lustigerweise kam bei einigen Herren hierbei die Idee auf, zusätzlich zum Mixedachter auch Männerachter zu fahren - den allerdings dann ganz ohne vorheriges Mannschaftstraining. Es wurde also gemeldet und die vier Mixedmänner hatten zwei Rennen zu fahren, so wie die Frauen vergangenes Jahr. Wir hatten wohl nicht gut zugehört, wie es den Frauen 2004 ging…

Der Tag des Head kam, alle waren aufgeregt, dem Männerachter fehlten dann auch noch ein Steuermensch, der aber glücklich gefunden wurde. Hoch zum Start, immer den Gedanken an das zweite Rennen im Hinterkopf, Pischel’s Klaus extra aus Kassel gekommen am Schlag. Hinter uns der HRC-II-Achter, nicht gerade ein beruhigendes Gefühl, wie ich fand. Dann das Startsignal, alle schoben an und dann dieses merkwürdig berauschende Gefühl, dass alle plötzlich das Gleiche tun, dass Energieberge dahin fließen, wo sie gebraucht werden. Nach drei Schlägen dieses gewisse Vibrieren im Rollsitz, dieses leichte Gefühl im Handgelenk dazu, das Boot lief. Schlag um Schlag genossen wir die Stille unseres Seins, dieser unerwartet schlicht funktionierenden Gemeinschaft. Weiter und weiter sollte so gehen, kein näher kommender Achter von hinten, Meter um Meter hinter uns bringend, einfach Wahnsinn. Aus dem Ihmezentrum raus ohne Hänger, vielleicht ein halber Schlag jetzt höher, brummendes Boot und packende Blätter, einfach wunderbar! Und dann an der Fährmannsinsel kommt irgendwo her aus dem Boot noch ein zusätzlicher Schub, als ob ein Turbo anläuft. Wir fühlen uns plötzlich wieder wach und stark, werden groß und knallen die letzen 1000 noch mal so richtig runter. – Ding! Die Zielglocke, atemlos und riesig glücklich, manche Juchzen vor Glück, was für ein Wahnsinn!

Beim Ausrudern dann wieder die Gewissheit: noch ein Rennen…

Kurz zum Steg, Boot raus, trockene Klamotten an, was trinken. Dann wieder ans Boot zum Mixedachter, Verbrauch von Restenergie, soweit vorhanden.

Wieder hoch zum Start, keine neuen Nervosität. Startkommando, Druck am Blatt und los. Wieder läuft das Boot gut, wenngleich etwas ruhiger. Vielleicht zu ruhig, denke ich, konzentriere mich aber auf meins. Nicht alle tun das, nach 1000 m holen die hinter uns fahrenden Magdeburger sichtlich auf und Tuna brüllt uns das erste mal an. Wir legen in der Intensität deutlich zu, das Boot steht jetzt stabiler und wir sehen den gelben Achter nicht weiter näher kommen. Dadurch geht Eingang Ihmezentrum bei mir das erste mal die innere Kontrollanzeige auf ROT. Tuna brüllt wieder und hackt aggressiv ins Wasser, wir ziehen mit. Das Boot war zwischenzeitlich etwas weg gesackt, jetzt läuft es plötzlich besser als bisher und steht plötzlich. Wir sind alle wieder da, Meike zieht den Schlag etwas hoch und der Achter beginnt zu brummen. Tuna will mehr wird noch mal laut Kai blaftt zurück, wir brauchen zehn Schläge, um uns wieder zu finden. Aber wir schaffen es und fahren an die Altwarmbüchener ran. Bloß nicht überdrehen, denke ich, doch Meike, mit all ihrer Erfahrung aus dem Studenten-WM-Finale, zieht sauber ihr Ding durch. Wir bleiben am Ball, das Boot läuft jetzt wie noch nie und die Frequenz geht noch mal höher. Die letzten 600 m fliegen wir förmlich, ich sehne die Glocke herbei und sie kommt und erlöst mich.
Das Ziel, alles tut mir weh und doch bin ich unendlich glücklich. Nur kann ich nicht Juchzen oder Jubeln, dazu fehlt die Luft und wohl auch noch die Stimmbandkontrolle. Ein weiteres wunderbares Rennen, wir sind unterwegs zusammengewachsen und sind über uns hinausgewachsen. Ein Tag für die Ewigkeit, denke ich.
Na, jedenfalls zum gerne und lange daran erinnern, weiß ich später.

Und in der Feiertagsstimmung kam dann die Idee auf, unser Glück noch mehr zu strapazieren: Kettwig!

Geht wieder nicht, so die erste Ernüchterung, weil zwei nicht können. Ha, bald waren prima Ergänzungen gefunden, was angesichts der dortigen Regattastrapazen nicht so leicht war: 4 Rennen an zwei Tagen: 2.500 m – 750 m – 4.000 m – 250 m.

Gesagt, getan, einmal Training und los.
(Siehe hierzu auch gesonderter Bericht von Rike und Tina)

Die 4.000 waren leicht zu fahren, waren wir es doch vom Head her (fast) alle gewohnt. Nur etwas länger war es, weil halt ohne Strömung. Das Boot lief vom Start weg gut, war fein balanciert und wir konnten am Ende sogar noch mal zulegen. Dies war, als uns ein Achter einholte. Als der herankam, machte Tuna, der direkt vor mir saß sich ganz groß und fuhr 100 %, dazu feuerte uns an. Ich fuhr mit, sah aber, dass es ein Männerachter war, der unseren Mixedachter doch tatsächlich einholte, ts, ts, ts. Jedenfalls lief es wunderbar und wir waren hinterher frohen Mutes und ziemlich überrascht, auch zeitlich nicht hinterher gefahren zu sein, sondern praktisch die gleiche Zeit wie beim Head gefahren zu sein, nur eben auf stehendem Wasser.
Beim 750er am Nachmittag lief mit direktem Gegner 500m lang hervorragend. Wir starteten gut und lagen nach einem Drittel mit einer knappen halben Länge vorne, bevor so bei 450 bis 500 m bei so nach und nach die Luft ausging. Dementsprechend verloren wir unseren Lauf knapp, lagen aber zeitlich wiederum gut im Feld.
Auch dadurch war abends die Stimmung sehr gut und wir speisten sehr lecker und amüsierten uns auf der anschließenden Fete prächtig.
Sonntag Morgen waren wie die ersten auf dem Wasser, das mit Nebel sanft überdeckt und sonst wie mit einer Gummilippe abgezogen war. Die Finger noch etwas steif und die Sinne auf die anstehenden 2.500 m ausgerichtet, di ja nun doch was Besonderes sein würden. Wir mussten sie ruhig und doch mit mehr Biss angehen, als wir dies von den gewohnten 4.000 m her kannten. Meike wusste aber offenbar genau, was zu tun sein, denn von den ersten Schlägen an waren wir auf Kurs und hatten Wasser und Boot sehr gut im Griff. Nach 1.000 m dann die von mir erwartete Explosion, die wieder von Tuna ausging: er brummte laut und machte sich ganz groß, um die letzten 1000 mit 100 % zu fahren. Oh Gott dachte ich, nicht 1000 durchknallen, aber ich ließ mich anstecken und alle anderen mit mir. Und so erlebten wir, was wir so ähnlich beim Head auch schon geschafft hatten, dass Boot noch mal fliegen zu lassen. Alles drumherum war egal, nur noch den nächsten Schlag voll und den nächsten und den nächsten. Einfach herrlich, was ein Kollektiv so miteinander leisten kann.
Am Ende waren wir nur noch fertig und hatten ja doch noch ein Rennen vor uns, nämlich die 250 m.

Innenhebel 2 cm härter gestellt. Dann warmlaufen, dehnen, kurze Besprechung. Hände ans Boot, und am Steg anstellen. Am Start zwei Boote neben uns, der kleinste Fehler wird den Sieg kosten. Los! Beim 2. Schlag bleibt einer hängen, wir bleiben aber voll dran, nach vier Schlägen sind wir auf voller Fahrt. Mein Hebel fühlt sich toll an, nach 20 will ich gerade mal rausgucken, da schreit Janna hinter mir und es wird eierig. Ich gucke, sehe nix und mache den Stier, brülle irgendwas, und wir legen noch mal zu. Weiß nicht, wie das noch geht, aber es geht. Eben lagen wir mit an der Spitze, drei Boote fast gleich auf. Dann dreimal die Zielglocke, zweimal ganz kurz, dann noch mal. Oh Mist, was war das denn? Janna war nach 150 vom Rollsitz gerutscht, der hatte sich verkantet und ging gar nicht mehr. Nach kurzen versuchen entschloss sie sich zum Weiterrudern ohne Rollsitz und die hinter ihr sitzende Rike konnte dann auch nur mit Viertelrolle fahren. Seufz, na aber es hat Spaß gemacht. Ergebnis: wir hatten den Lauf gewonnen!

Eine Riesenfreude machte sich breit, was wäre bloß drin gewesen, wenn wir trainiert hätten? Oder zumindest mal regelmäßig miteinander geübt hätten? Nicht auszudenken.

Nun, ich für mich habe beschlossen, den ganzen Winter dreimal pro Woche zu trainieren, und zwar regelmäßig und mit einem Plan, der auf Ziele und die Trainingslehre ausgerichtet ist. Jedenfalls soweit meine Zeit und meine Gesundheit das zulassen. Dann kann ich nächstes Jahr besser vorbereitet in solche Events gehen, als diesmal.

Und vielleicht sind da ja noch mehr von uns oder von anderswo, die das so oder ähnlich mit machen. Und vielleicht können wir 2006 ja regelmäßiger und zielgerichteter Großboot fahren und sogar ein wenig trainieren. Jedenfalls soweit meine alten Knochen das noch zulassen.

Ich haben jedenfalls große Lust dazu und das Rudern in dieser Gruppe hat mir 2006 unglaublich viel Freude bereitet. Danke euch allen.

Jan
 
Erstellt am 22.09.2006 von Jochen Pischel